FRIEDRICHS Interview mit Hartwig Hahn, Träger des Bundesverdienstkreuzes

Liebe Leser,

im Dezember 2016 haben wir Ihnen in der Rubrik FRIEDRICHS inside unseren Einkaufsleiter Hendrik Hahn vorgestellt. Dabei hat sich gezeigt, dass nachhaltige Fischerei nicht nur in der FRIEDRICHS Familie langjährige Tradition hat, sondern bei unseren Mitarbeitern auch privat großgeschrieben wird. Denn schon damals ließ er uns an seinem besonderen Engagement für die Wiedereinbürgerung bedrohter Fischarten in heimischen Gewässern Schleswig-Holsteins teilhaben, das er gemeinsam mit seinem Vater Hartwig Hahn ausübt. Heute freuen wir uns, dass uns sein Vater für ein Interview zur Verfügung steht, der in diesem Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Übergabe Bundesverdienstkreuz an Hartwig Hahn

Hartwig Hahn wird das Bundesverdienstkreuz verliehen (Copyright: FRIEDRICHS)

Hartwig Hahn ist Gründungsmitglied der „Arbeitsgemeinschaft (ARGE) zur Wiedereinbürgerung und Bestandserhaltung der Lachse, Meer- und Bachforellen“, die in den 80er Jahren ins Leben gerufen wurde. Er hat in den letzten 40 Jahren, mit der Unterstützung ehrenamtlicher Helfer, vieles für die Bestände bedrohter heimischer Fischarten erreicht und somit Pionierarbeit für nachhaltige Fischerei geleistet. Im Juni dieses Jahres wurde Hartwig Hahn dafür mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik ausgezeichnet. Gottfried Friedrichs gratuliert sehr herzlich zum Bundesverdienstkreuz, einer ganz besonderen Auszeichnung.

Über die „ARGE zur Wiedereinbürgerung und Bestandserhaltung der Lachse, Meer- und Bachforellen“

Die Arbeitsgemeinschaft wurde 1983 mit dem Ziel gegründet, gemeinsam die Bestände an Lachsen, Meer- und Bachforellen sowie anderer vom Aussterben bedrohter heimischer Fischarten zu erhalten. Daher hat es sich die ARGE zur Aufgabe gemacht, Lebensräume in Gewässern Schleswig-Holsteins zu schützen und zu pflegen. Mit der Unterstützung des Landessportfischereiverbands Schleswig-Holstein e.V. (LSFV) wurde 1984 ein Bruthaus in Aukrug-Homfeld errichtet, um im großen Stil Fischlaich auszubrüten und die Brütlinge dann im Flusssystem wieder auszusetzen. Mit ihrem Engagement leistete die ARGE bereits zu einem Zeitpunkt, an dem nachhaltige Fischerei noch nicht im Fokus der Öffentlichkeit stand, einen besonderen Beitrag.

Herr Hahn, was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz?

Diese hohe Ehrung kam für mich überraschend und ich habe das Bundesverdienstkreuz in Dankbarkeit angenommen. Ich sehe sie auch als Anerkennung für meine aktiven Mitstreiter der ARGE Stör-Bramau. Sie ist auch Ansporn, das bisher Erreichte zu sichern und weiter auszubauen. Dazu gehört auch, den erworbenen Erfahrungsschatz und die Freude an dieser Arbeit an Jüngere weiterzugeben.

Welche Erfolge konnten Sie mit Ihrem Engagement in den letzten 40 Jahren konkret erzielen?

Wir konnten den Wiederaufbau der Meerforellenpopulation in der Stör (Nebenfluss der Elbe in Schleswig-Holstein) mit seinen Zuflüssen Schwale, Bünzau, Brokstedter Au und Bramau ab 1977 erreichen. Außerdem die Wiedereinbürgerung des in ganz Deutschland ausgestorbenen Atlantischen Lachses (Salmo Salar) im Flusssystem der Stör ab 1980 mit Jungfischen vom Lagan – ein Lachsstamm aus Laholm in Südwestschweden.

1983 fingen wir das erste Lachspärchen in der Stör in Neumünster-Gadeland, streiften ca. 4.000 Lachseier ab, legten sie nach der Befruchtung zur Erbrütung auf und konnten im Frühjahr 1984 die schwimm- und fressfähige Brut in Neumünster aussetzen. Damit war es uns gelungen, die ersten Lachsrückkehrer in Deutschland nach dem Krieg zu vermehren. Heute fangen wir ca. 300 Meerforellen und ca. 50 Lachse. Das größte Lachsmännchen war 1,20 m lang und knapp 20 kg schwer.

Hartwig Hahn beim Abstreifen des Fischlaichs

Hartwig Hahn beim Abstreifen des Fischlaichs (Copyright: FRIEDRICHS)

Möglich waren diese Erfolge durch die Unterstützung des LSFV und der Fischereibehörde des Landes Schleswig-Holstein. Heute legen wir im Bruthaus in Aukrug-Homfeld ca. 700.000 – 800.000 Salmonideneier[1] zur Erbrütung aus. Die Eier stammen von Lachsen, Meer- und Bachforellen. Nachdem die geschlüpften Brütlinge ihren Dottersack aufgezehrt haben und schwimm- und fressfähig geworden sind, werden diese in den Oberläufen von Stör und Bramau ausgesetzt.

Hendrik Hahn in einer schwedischen Lachszucht (Laholm) für das Elblachsprojekt

Hendrik Hahn beim Sortieren der Lachseier in einer schwedischen Lachszucht (Laholm) für das Elblachsprojekt (Copyright: FRIEDRICHS)

Wie war der Zustand in den 80er Jahren?

Bei dieser Frage muss ich weiter zurückgreifen. Mir liegt ein Buch von Conrad Schütt aus dem Jahr 1927 vor: „Die Entwicklung und wirtschaftliche Bedeutung der Binnenfischerei in Schleswig-Holstein“. Er schreibt über die Stör: „Noch weit ungünstiger als in der Trave liegen die Verhältnisse für die Fischereiwirtschaft in der Stör. Dieser Fluss, der früher zu den fischreichsten in Schleswig-Holstein zählte, ist unterhalb der Einmündung der Schwale, besonders infolge der Abwässer der Stadt Neumünster mit ihren zahlreichen Lederfabriken und sonstigen industriellen Anlagen, derartig verseucht worden, dass er für die Fischwirtschaft bedeutungslos geworden ist“.

Nach dem Niedergang der Lederindustrie und der Inbetriebnahme neuer Klärstufen in Neumünster im Jahr 1979 erholte sich die Stör sehr schnell und hat heute nur noch eine mäßige Belastung. Im Rahmen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie wurden in der auf ihrer ganzen Länge begradigten Stör die Beton-Sohlabsturzbauwerke entfernt und durch für alle Fische durchwanderbare Sohlgleiten ersetzt. Somit ist es seither allen Fischarten möglich, während ihrer Laichzeiten zu wandern. Leider hat man für die kieslaichenden Salmoniden, Neunaugen[2] und Elritzen[3] kein geeignetes Kiessubstrat eingebracht, so dass eine natürliche Vermehrung kaum möglich ist. Außerdem stellen wir heute eine starke Versandung des gesamten Flusses fest. Ursachen sind hauptsächlich die Landwirtschaft und das Verrotten der bei der Begradigung eingebrachten Uferfaschinen[4] und dadurch eine Aufweitung und eine Verlangsamung der Fließgeschwindigkeit.

Trotz all dieser negativen Fakten haben sich die Fischbestände dank unserer Arbeit erholt. Wir treffen neben den Lachsen, Meer- und Bachforellen, Bach- Fluss- und Meerneunaugen, Elritzen und Äschen an.

Wie sind Sie damals auf den Handlungsbedarf aufmerksam geworden und wie kam es zur Gründung der ARGE?

1971 habe ich als Niedersachse aus der Lüneburger Heide in Aukrug-Homfeld ein Grundstück gekauft, 1972 ein Haus gebaut, bin am 01. Januar 1973 eingezogen und habe mich hier als Malermeister selbständig gemacht. Nach dem Eintritt in den hiesigen Angelverein wurde ich 1977 zum Gewässerwart des Kreissportfischerverband Neumünster gewählt, der auch Fischerei-Pächter von Stör und Schwale im Stadtgebiet Neumünster ist. Hiermit wurde mir das Recht ausgesprochen, in diesen Gewässern angeln zu dürfen. Dieses Amt übe ich bis heute aus. Ich war und bin bis heute noch glücklich, dass ich den Oberlauf und damit die Kinderstube der Stör und Schwale verwalten darf. Außerdem wurde ich von der Stadt in den Umweltbeirat berufen.

Da ich noch andere Gewässerstrecken für den Salmoniden-Laichfischfang befischen wollte, bat mich die Fischereibehörde zur Vereinfachung einen Gemeinschaftsantrag für alle Gewässer zu stellen, damit nur eine Genehmigung benötigt wird. Hiermit war die Idee für die Gründung der ARGE Stör-Bramau geboren. Am 14. März 1983 gründeten wir mit 20 Angelvereinen, Wasser- und Bodenverbänden und Gemeinden die „ARGE zur Wiedereinbürgerung und Bestandserhaltung der Lachse, Meer- und Bachforellen“.

Hartwig Hahn beim Salmoniden-Laichfischfang in der Stör

Hartwig Hahn beim Salmoniden-Laichfischfang in der Stör (Copyright: FRIEDRICHS)

Wie finanzieren Sie Ihr Engagement, wie zum Beispiel den Aufbau und die Unterhaltung des Fischbruthauses?

Die Arbeit der ARGE ist ehrenamtlich, ohne Bezahlung. 1984 konnten wir aus Mitteln der Fischereiabgabe unser kleines Bruthaus in Form eines Holzcarports in Eigenleistung bauen. Da unser Lachs Projekt nicht aus der Fischereiabgabe des Landes gefördert wurde und auch weiterhin aus uns unerklärlichen Gründen nicht gefördert wird, können unsere Wünsche für eine weitere Förderung der Lachse nur wie bisher aus Spenden finanziert werden. Hier ist uns der LSFV behilflich, da er als gemeinnütziger Naturschutzverband anerkannt ist und für unsere ARGE ein Konto bei der Förde Sparkasse freigeschaltet hat.

Wir bedanken uns für das Interview und wünschen Herrn Hahn und seinen Mitstreitern für die ARGE und Fischbestände weiterhin viel Erfolg.

 

[1] unter Salmoniden versteht man die lachs- und forellenartigen Fische. Darunter werden
zahlreiche Gattungen und Arten wie Lachse, Forellen oder Saiblinge zusammengefasst
[2] Neunaugen (Petromyzontiformes) sind eine Ordnung kiementragender fischähnlicher,
stammesgeschichtlich basaler Wirbeltiere (Vertebrata).
[3] Die Elritzen ist ein Kleinfisch aus der Familie der Karpfenfische (Cyprinidae).
[4] Faschinen sind walzenförmige Reisig- bzw. Rutenbündel von einigen Metern Länge,
welche in erster Linie zur Abwehr von Erosionserscheinungen bzw. Böschungsbrüchen
genutzt werden.

3 Gedanken zu „FRIEDRICHS Interview mit Hartwig Hahn, Träger des Bundesverdienstkreuzes

  1. Lieber Hartwig,
    ich freue mich außerordentlich das Dir diese Ehre zu teil geworden. Da ich selbst Mitglied des Lachsprojektes der Aller-Oker-Lachs-Gemeinschaft bin kann ich zumindest ansatzweise erahnen wieviel Arbeit, Herzblut und Hilfe durch Familie und Projektmitstreiter sich hinter dieser Auszeichnung verbergen ! Als ehemaliger Sprecher der Arbeitsgemeinschaft für Fischarten- Und Gewässerschutz kennen wir uns persönlich seit nun fast 20 Jahren. Ich verstehe diese Auszeichnung auch als Fingerzeig für all die anderen Projekte die ich im Laufe der Jahre in ganz Deutschland kennen lerne durfte. Ich habe einmal gelesen die ganz Großen sind immer bodenständig und nicht abgehoben auch das trifft auf Dich zu ! Bleibe gesund und mach weiter so !
    Stefan Ludwig – NASF Deutschland – Wanderfische ohne Grenzen

  2. Dem schließe ich mich an.
    Hier mal ein aktives Beispiel für Arten.-u. Naturschutz bei dem gehandelt und nicht nur geredet wird. Alles ohne hohen finanziellen Aufwand durch Ehrenamtsarbeit. Finanziell und im Besonderen der hohe Personalaufwand wird hier durch Fischereischeininhaber (Angler) durchgeführt unter der Schirmherrschaft des LSFV (Landssportfischerverband SH ).
    Dies zeigt auf, daß niemand in Deutschland auf sie verzichten kann oder diese übergehen sollte.

    Danke dafür, weiter so !!!

  3. Tolle und bemerkenswerte Naturschutz-Arbeit.
    Bräuchten wir viel mehr und sollte zum Nachmachen anregen.
    Bitte weiter unterstützen.
    Christoph

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